Happy Birthday EU Green Deal:
Chance oder Wettbewerbsnachteil für die europäische Wirtschaft? 

11. Dezember 2020

Der 11. Dezember 2019 war in Brüssel kein Tag wie jeder andere. Erst das zweite Mal überhaupt in der Geschichte des EU-Parlaments kommt es zu einer Sondersitzung zusammen. Am Ende tritt die Präsidentin der EU-Kommission Ursula von der Leyen vor die Kameras und verkündet die „Mobilmachung“ von 100 Milliarden Euro, um als erster Kontinent klimaneutral zu werden. Gleich-zeitig wurden diverse Politikinitiativen präsentiert, die dafür sorgen sollen, dass Europa das Ziel, netto keine Treibhausgase mehr in die Atmosphäre auszustoßen, bis 2050 erreicht.

Dieses Konzept erhielt den Namen European Green Deal und soll zentraler Bestandteil der Klimapolitik der Europäischen Union werden. Letztlich gilt der Green Deal als die europäische Antwort auf die Frage, wie das Staaten-bündnis die Klimaziele des Pariser Klimaabkommens erreichen möchte. 

„Europa wolle bei klimafreundlichen Industrien und sauberen Technologien eine Vorreiterrolle einnehmen“, erklärte die ehemalige Bundesverteidigungsministerin. In dieser Hinsicht könne der Green Deal auch zu Europas neuer Wachstumsstrategie werden. 

Dabei hatte der Green Deal von Anfang an zahlreiche Kritiker*innen. Den einen gehen die Vorgaben und Zielsetzungen des größten Umbaus in der Geschichte der Europäischen Union noch nicht weit genug. Die anderen sehen darin eine dystopische Deindustrialisierung Europas. Die hohen Investitionsaufwendungen für die Transformation führen letztlich nur zu einem Wettbewerbsnachteil und einer Abwanderung der Industrie in wirtschaftsfreundlichere Regionen, so die Befürchtungen. 

Seit genau einem Jahr diskutieren die 27 EU-Staaten nun inzwischen die konkrete Umsetzung dieses Vorschlags und die wichtigsten EU-Institutionen verhandeln über das Klimagesetz. Einen genauen Fahrplan bis 2050 gibt es bisher nicht. Dies wäre unseres Erachtens jedoch sowohl für den Wirtschaftsstandort Europa als auch für die weiteren Bestrebungen zum Klimaschutz durchaus förderlich. 

Eine kürzlich veröffentlichte, viel zitierte Studie vergleicht mittels Klimaschutzindex alle Länder hinsichtlich ihrer bisherigen Maßnahmen (siehe nachfolgende Grafik). 

Europäische Länder, insbesondere die skandinavischen, sind bereits führend im Bereich des Klimaschutzes. Doch, auch wenn Europa sich auf dem richtigen Weg befindet, wird ebenfalls deutlich, dass keines der Länder aktuell schnell genug in der Umsetzung ist, die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. 

Die Europäische Wirtschaft befindet sich also beim Thema Klimaschutz bereits in einer dringend benötigten Pole Position. Denn betrachten wir die globale Wirtschaft aus dem Blickwinkel der 69 unterschiedlichen Industrien (gemäß Global Industry Classification Standard = GICS), stellen wir fest, dass in 2 von 3 Branchen ein US-amerikanisches Unternehmen marktführend ist (gemessen an der Marktkapitalisierung). 

Über 65 % der weltweiten Branchen werden heute von US-Unternehmen dominiert. Dies ist sicherlich einer der Gründe, warum der amerikanische Aktienmarkt über die letzten 20 Jahre allen anderen Ländern in puncto Wertentwicklung überlegen war. Im Bereich der Digitalisierung scheint Europa den Anschluss, insbesondere im Konsumbereich nicht mehr aufholen zu können. Google, Microsoft, Apple oder Amazon – jedes dieser Unternehmen ist heute an der Börse einzeln so viel wert wie alle 30 DAX Unternehmen gemeinsam. 

In vielen Bereichen der Industrie war Europa jedoch schon immer gut positioniert und es bietet sich nun die Chance, von dem globalen Megatrend der Dekarbonisierung am stärksten zu profitieren und die ökonomischen Wettbewerbsvorteile weiter auszubauen wie einst die USA in den letzten drei industriellen Revolutionen. Der Umbau hin zu einer nachhaltigen, ökologischen Weltwirtschaft könnte der Beginn einer 5. industriellen Revolution darstellen. Es ist davon auszugehen, dass Bereiche wie Energieversorgung, Verkehr, Handel, Industrie sowie Land-und Forstwirtschaft in den nächsten Jahrzehnten einem fundamentalen Wandel unterliegen, welcher in vielen Bereichen längst begonnen hat. 

Dänemark ist jetzt schon einer der Vorreiter in Sachen nachhaltiger Energie. Im vergangenen Jahr überstieg der Strom aus erneuerbaren Energiequellen erstmals die Marke von 50 Prozent. Und bis 2030 will es seine rund 5,8 Millionen Einwohner*innen zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien versorgen. Unternehmen wie der ehemalige Öl- und Gaskonzern DONG Energy werden bei der Erreichung dieses Ziels eine große Rolle spielen. Die dänische DONG Energy hört heute auf den Namen Ørsted und hat sich in nur wenigen Jahren zum größten Offshore-Windunternehmen der Welt gewandelt. Für das Management ist dies erst der Anfang und das renommierte Wirtschaftsmagazin Corporate Knights hat das Unternehmen erneut zum nachhaltigsten Konzern der Welt gewählt. 

Dies ist nur eines von zahlreichen Erfolgsbeispielen im Bereich der Energiewende. Auch andere Öl- und Gaskonzerne richten ihr Augenmerk zunehmend auf das ertragreiche Geschäft mit erneuerbaren Energien. Unter dem Druck von Politik, Aktivist*innen und klimabewussten Investor*innen sehen sich auch Shell, BP und Total gezwungen, ihr Geschäfts­modell für die Zukunft radikal umzu­bauen. Royal Dutch Shell will mithilfe von grünem Strom zum weltweit größten Energiekonzern aufsteigen und auch BP, ehemals British Petroleum, investiert inzwischen hunderte Millio­nen Euro in seine Initiative Beyond Petroleum und in die Erzeugung sau­berer Energien sowie grünen Wasser­stoffs, u.a. gemeinsam mit Ørsted.

Und genau hier ergeben sich die Chancen für Europa als zukünfti­ger Weltmarktführer, denn die nordamerikanische Ölindustrie ist im Gegensatz zu ihrer europäischen Kon­kur­renz noch nicht einmal ansatzweise auf dem Weg zur Klimaneutralität. Statt Transformation und Investition liegt hier der Fokus auf der aktionärsfreund­li­chen Optimierung des Free Cashflows. US-Präsident Donald Trump hat dem fos­silen Energiesektor in den vergange­nen vier Jahren massiv den Rücken ge­stärkt und so verkündete die US-Ölin­dustrie erst vor wenigen Wochen, dass man sich wegen des künftigen Präsi­den­­ten Joe Biden nicht allzu große Sorgen mache.

Wir sind überzeugt, die Trans­forma­tion der Energiebranche war und ist erst der Anfang eines jahr­zehnte­langen Wandlungsprozes­ses mit zahlreichen Opportunitäten für nachhaltige und ökonomisch attraktive Investitions­möglichkeiten. Themen wie Kreislauf­wirtschaft, saubere Mobilität oder energieeffiziente Städte stehen ebenfalls auf der Agenda des EU Green Deals und es gibt insbesondere in Euro­pa zahlreiche Unternehmen, die sich hier bereits vorbildlich positioniert haben. Jeder Wandel bringt Gewinner und Verlierer. Denn die hohen Investi­tions­summen, welche viele Unterneh­men aufwenden müssen, um die eige­nen oder externen Zielvorgaben zu errei­chen, ermöglichen wiederum ganz neuen Branchen unterschiedliche Geschäfts­möglichkeiten, um von diesen Investitionsbudgets in Milliardenhöhe zu profitieren. Im Rahmen unserer nach­haltigen Vermögensverwaltung möchten wir daher für Sie an diesem positiven Wandel partizipieren, wo immer ökonomische und ökologische Kriterien für Investitionsentschei­dun­gen möglichst deckungsgleich verlau­fen.

Was denken Sie? Stehen wir mit der Dekarbonisierung vor einer 5. Industri­el­len Revolution? Befindet sich Europa u. a. durch den Green Deal mit seiner Wirtschaft in der Pole Position in den wichtigsten Wirtschaftsbereichen der Zukunft? Wird es den heimischen Unternehmen letztlich gelingen, sich als Weltmarktführer zu positionieren? Oder verstricken sich die Länder letzt­lich doch in Uneinigkeit über die kon­krete Umsetzung, die aktuellen Vor­stöße der Unternehmen sind nichts weiter als Wahlkampfversprechen für Investoren und die USA oder China laufen uns letztlich erneut den Rang ab?

Teilen Sie uns Ihre Meinung zu dem Thema und über diesen Artikel gerne auf LinkedIn oder twitter mit. Wir freuen uns auf Ihre Sichtweise anläss­lich des Geburtstages des EU Green Deals.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

David Houdek, CFA
Portfoliomanager und Nachhaltigkeitsexperte
Capitell Vermögens-Management AG

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