Neues von den Märkten: Konjunkturaufschwung und zittrige Börse – wie passt dies zusammen?

4. März 2021
Ein Kapitalmarktbericht von Karl-Heinrich Mengel

Ein globaler Konjunkturaufschwung, begleitet von steigenden Unternehmensgewinnen, sollte eigentlich die Aktienkurse beflügeln – soweit die außerordentlich plausible Vorstellung. Die Realität sieht aber manchmal anders aus.

Mit Blick auf die Börsen in den vergangenen Wochen sind wir Zeuge eines solchen Vorgangs. Die Börsen zeigen keinen klaren Aufwärtstrend. Insbesondere gilt dies für Technologie-Titel, aber auch für defensive Dividenden-Aristokraten in Branchen wie den Herstellern von Konsumprodukten. Gleichzeitig sind die Anzeichen eines anziehenden Aufschwungs der globalen Konjunktur nicht zu übersehen. Die Zahlen aus den USA und China zeigen hier einen klaren Trend nach oben.
Die erwähnte plausible Vorstellung, dass eine gute Konjunktur und steigende Aktienkurse zusammengehören, wird demnach nicht immer durch die Realität bestätigt.

Worin liegt also der Irrtum derer, die diese These vertreten?

Neben der Aktie gibt es andere Möglichkeiten zu investieren, welche sozusagen eine Konkurrenz darstellen. Eine der wichtigsten „Konkurrenten“ sind Staatsanleihen mit guter Bonität. Im internationalen Kontext sind hier die US-Treasuries maßgeblich. Deren Rendite hat sich für zehnjährige Laufzeiten seit Jahresanfang von 0,8% p.a. bis kürzlich auf 1,6% p.a. erhöht und damit das Vor-Corona-Niveau wieder erreicht.

US-Treasuries gelten in der Finanzwelt als „safe haven“, also als sicherer Hafen. Aus der Sicht des Anlegers ist Sicherheit neben einer guten Rendite das erstrebenswerteste Ziel einer Geldanlage. Wenn sich quasi sichere Renditen in kurzer Zeit verdoppeln, kann dies offensichtlich nicht ohne Auswirkung auf die Attraktivität einer konkurrierenden Anlage wie die der Aktie bleiben. Im aktuellen Fall hat die Rendite der US-Staatsanleihen bereits die durchschnittliche Dividendenrendite des US-Aktienindex S&P 500 erreicht.

Darüber hinaus sollten wir auch die Perspektive des Schuldners einnehmen. Die meisten Unternehmen arbeiten mit Fremdkapital. Kredite waren zuletzt extrem billig. Ein plötzlicher Anstieg des Preises für Fremdkapital hinterlässt Spuren in den Bilanzen der Unternehmen. Ein weiterer Aspekt, der die Attraktivität von Aktien potentiell mindert. Zudem erhöht billiges Geld die Bereitschaft für fremdfinanzierte Investitionen. Nicht jeder dieser Investoren ist gegen einen plötzlichen Zinsanstieg gewappnet. Gleichgültig wie niedrig uns ein Zins von 1,6% p.a. erscheint, wenn er vor einem halben Jahr nur bei 0,8% p.a. lag, haben sich die Refinanzierungskonditionen für die erwähnten Investoren in kurzer Zeit verdoppelt.

Es ist diese Gemengelage, die die Aktienbörsen zuletzt beunruhigte.

Wie wir bereits früher an dieser Stelle bemerkt haben, geht die Gleichung „Konjunkturentwicklung entspricht Entwicklung der Aktienkurse“ nicht immer auf. In Wirklichkeit handelt es sich nicht um eine Gleichung: Denn das eine ist aus dem anderen nicht sicher abzuleiten.

Und wo bleibt das Positive, Herr Kästner?“, so betitelte Erich Kästner einst eines seiner Gedichte. Positive Seiten hat nämlich die aktuelle Börsenlage durchaus. Die globale Wirtschaft ist gerade erst im Begriff, sich aus der tiefsten Rezession seit Jahrzehnten herauszuarbeiten. Eine Begleiterscheinung sind kräftig steigende Rohstoffpreise, eine steigende Nachfrage nach Investitionsgütern und – nicht zuletzt – steigende Zinsen. Sie sind – neben den bereits erwähnten problematischen Aspekten für den Investor – ein Indikator für den Konjunkturaufschwung, ebenso wie steigende Konsumentenpreise.

Bestimmte Branchen profitieren in dieser Konjunkturphase überdurchschnittlich. Neben Rohstoffunternehmen sind dies die Branchen jener zyklischen Industrie, deren Gewinnentwicklung durch die Corona-Krise gelitten hatte, und deren Geschäftsumfeld bereits in den Jahren zuvor aufgrund der erratischen US-Handelspolitik nicht unbedingt berechenbar erschien.

Gerade auch deutsche Unternehmen, die von der anziehenden Konjunktur in den USA und in China profitieren, können mit den zu erwartenden Gewinnsteigerungen ein verändertes Zinsumfeld kompensieren, zumal die Bewertungen der entsprechenden Aktien häufig attraktiv ist. Aus markttechnischer Sicht handelt es sich meistens um sogenannte vernachlässigte Titel, da sich das Gros der Investoren in den vergangenen Jahren eher in Technologie-Aktien engagiert hat. Deren „Kursziele“ werden von den Analysten herabgesetzt, wenn sich die Kalkulationsgrundlage mit höheren Renditen für US-Treasuries ändert. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich also, dass bestimmte Segmente des Aktienmarktes sensibler auf erhöhte Zinsen reagieren, während andere robuster sind, namentlich die relativ stärkeren Profiteure eines Konjunkturaufschwungs und einer Rückkehr zur Nach-Corona-Zeit.

Aktienanlagen sind demnach nicht nur nach der Qualität der einzelnen Unternehmen zu selektieren, sondern auch mit Blick auf die jeweilige Phase des Konjunkturzyklus. So wie vor einem Jahr Investments in Chemietitel oder Zulieferer der Autoindustrie unattraktiv waren, stehen wir heute vor einem entgegengesetzten Szenario. Die zyklischen Industrieaktien waren die Corona-Verlierer und werden in den kommenden Monaten die Gewinner eines lange anhaltenden Konjunkturaufschwungs sein, angetrieben durch aufgestaute Investitionsvorhaben und Konsumbedürfnisse.

Mit den besten Grüßen 

Karl-Heinrich Mengel

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